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Hochkarätig besetztes Podium: Die Diskussionsteilnehmer informierten und debattierten über medizinische, juristische und ethische Aspekte an der Grenze zwischen Behandlungsversuch und Sterbensverlängerung. Foto: Christoph Lammertz

Großes Interesse am Thema „Ethische Entscheidungsfindung in der Intensivmedizin".

Düren. Wo endet der Behandlungsversuch und wo beginnt die Sterbensverlängerung? Es gibt in der Medizin viele Fragen, auf die eine Antwort wesentlich leichter fällt. Umso wichtiger ist es, sich dem Thema zu stellen und darüber zu diskutieren. Auf Einladung des Krankenhauses Düren machte das jetzt vor rund 150 Besuchern eine hochkarätige Expertenrunde im Dürener Kreishaus.

Unter dem Titel „Ethische Entscheidungsfindung in der Intensivmedizin" gab es Einschätzungen, Wertungen und Erklärungen aus medizinischer, juristischer und ethischer Sicht.

„Die Fortschritte der Medizin sind ungeheuer – man ist sich seines Todes nicht mehr sicher." Nach der Begrüßung durch Krankenhaus-Geschäftsführer Dr. Gereon Blum eröffnete Dr. Stefan Schröder den Abend mit einem sicherlich provokanten Zitat des Schriftstellers Hanns-Hermann Kersten. Der Chefarzt der Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Dürener Krankenhaus, der die Veranstaltung federführend organisiert hatte, brachte damit die Ängste auf den Punkt, die Menschen mit Blick auf die Intensivmedizin empfinden. Dr. Tilman von Spiegel, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Westküstenklinikum Heide, knüpfte als erster Referent des Abends daran an. Schmerzen, Leiden, Verlust der Würde, fehlende Selbstbestimmung, Nicht-Sterben-Können, seelenlose Apparatemedizin, Überleben nur als Pflegefall – das seien gängige Assoziationen mit dem Begriff Intensivstation. Doch von Spiegel hielt die Ergebnisse einer Befragung ehemaliger Intensiv-Patienten und Angehöriger dagegen. „90 Prozent haben hinterher eine überwiegend positive Einstellung", berichtete er, um sich dann konkret der Frage nach den Grenzen der Intensivmedizin zu widmen. „Sie dient der Überbrückung einer akut lebensbedrohlichen Situation bei Patienten mit prinzipiell guter Prognose", zog er eine Richtschnur.

Doch die oft unklare Prognose sei bereits eines der Dilemmas. Die Ärzte müssten sich eingestehen, dass sie oft nur einen Therapieversuch unternehmen könnten. Wenn es dann um die Entscheidung zu einer Therapiebegrenzung gehe, ergebe sich das nächste Dilemma, weil die Selbstbestimmung des Patienten oft nicht mehr möglich ist. In vielen Fällen lasse sich allenfalls sein mutmaßlicher Wille ermitteln. Dabei seien Angehörige natürlich einzubeziehen, sagte von Spiegel. Doch die Entscheidung könne letztlich nur der Arzt fällen.

Auf welch dünnem juristischen Eis sich die Ärzte dabei befinden, verdeutlichte Jurist Prof. Dr. Wolfgang Höfling von der Kölner Universität. „Lässt sich der Wille des Patienten ermitteln, dann ist er zwingend zu beachten. Ansonsten hat das strafrechtliche Konsequenzen", betonte Höfling. Doch auch der Rechtswissenschaftler sieht in der Frage nach dem Patientenwillen eines der größten Probleme. Denn anders als viele Menschen glaubten, taugten die meisten Patientenverfügungen allenfalls dazu, über den mutmaßlichen Willen Auskunft zu geben. Und dabei werde es immer unterschiedliche Interpretationen geben.

Das Arzt-Patienten-Verhältnis nahm Ethik-Professor Dr. Thomas Heinemann in den Blick. Der Arzt gerate immer mehr in die Rolle des Dienstleisters, der den Willen des Patienten zu erfüllen hat, kritisierte er und stellte klar, dass die Mediziner nicht zu Entscheidungen gedrängt werden dürfen, die nicht mit ihrem eigenen Ethos in Einklang zu bringen sind.

„Es ist leider so, dass manche Patientenverfügung den Handlungsspielraum des Chirurgen massiv einschränkt", berichtete Dr. Hermann Janssen, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Visceral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Krankenhaus Düren, bei der anschließenden Podiumsdiskussion, die von Pfarrer Anton Straeten moderiert wurde, aus der Praxis. Jeder Mensch habe das Hochkarätig besetztes Podium: Die Diskussionsteilnehmer informierten und debattierten über medizinische, juristische und ethische Aspekte an der Grenze zwischen Behandlungsversuch und Sterbensverlängerung.

Recht auf Selbstbestimmung, betonte Janßen, doch jeder solle sich ganz genau überlegen, inwieweit er die medizinischen Möglichkeiten wirklich für sich begrenzen will. Dass die Entscheidungsfindung in der Onkologie mitunter leichter ist, erklärte Dr. Michael Flaßhove, Chefarzt der Onkologie und Hämatologie am Dürener Krankenhaus: „Die Patienten werden bei uns länger behandelt. Das gibt uns die Möglichkeit, mit ihnen intensiv über ihre Vorstellungen zu kommunizieren." Dr. Martin Franke, Vorsitzender der Hospizbewegung Düren-Jülich, plädierte dafür, eine Patientenverfügung nicht leichtfertig zu formulieren, sondern sich dabei intensiv beraten zu lassen. „Eine Patientenverfügung zu haben, bedeutet auf jeden Fall nicht, dass jemand Angst haben muss, nicht behandelt zu werden", betonte Gastgeber Dr. Stefan Schröder, bevor er sich bei allen Beteiligten für eine anspruchsvolle und informative Veranstaltung bedankte.