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Prof. Dr. Stefan Schröder, Dr. Stefan Hegemann und Günter Nobis (von links nach rechts) RJS

Kommunikatives „Handwerkszeug“ zum multiprofessionellen Umgang mit schmerzbelasteten Patienten

Gerade noch hat man voll Elan den Spaten zum Abschluss in die Erde gestoßen und sich an der Vollendung des Gartenprojektes erfreut, als ein extrem starker Schmerz der weiteren Aktivität ein Ende setzt. Schulter oder Rücken sind so schmerzempfindlich, dass der Arztbesuch notwendig wird.
Dieses Szenario steht häufig am Beginn der Schilderung eines Patienten, der auch nach vielen Wochen und Behandlungen unterschiedlichster Fachdisziplinen unter Schmerzen leidet und dies auf die Gartenarbeit schiebt. Die Schmerzen sind stärker und intensiver geworden, die Verzweiflung des Patienten über die erfolglose Behandlung nimmt ebenso zu - ein Teufelskreis, aus dem nur schwer auszubrechen ist.
Spätestens an diesem Punkt können Schmerztherapeuten ansetzen, Fachärzte z.B. der Anästhesie, Neurologie oder Orthopädie, die sich in Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Pflegeberufen der ursächlichen Probleme, die zu den Schmerzen geführt haben, annehmen, wenn konventionelle Therapien nicht erfolgreich sind. Sie gehen von einem bio-psycho-sozialen Ansatz aus, d.h. dass körperliche, soziale und seelische Aspekte den Schmerz beeinflussen, hervorrufen und auch unterhalten können. Mehr als 12 Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen, viele von ihnen haben jahrelange Odysseen bei Ärzten und Therapeuten hinter sich und die Diagnose, „körperlich sei alles in Ordnung“. Besonders belastend ist für sie die Unterstellung zu simulieren, sich den Schmerz einzubilden, doch wie kann ihnen geholfen werden?



Anlässlich des 8. Dürener Schmerztages luden die Veranstalter der Abteilung für Schmerztherapie des Krankenhauses Düren, Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Kolleginnen und Kollegen aus Ärzteschaft, Pflege und anderen Medizinberufen ein, gelungene Kommunikation mit Schmerzpatienten durch einen Spezialisten dieser Fachdisziplin kennenzulernen. Hans-Günter Nobis, leitender Psychologe und Schmerzpsychotherapeut mit deutschlandweitem Ruf auf diesem Gebiet, kennt die Problematik der fehlenden Vernetzung der Disziplinen, denn notwendig ist neben einer fächerübergreifenden Kooperation bei der Behandlung auch ein aktives Mitarbeiten seitens des Patienten. Voraussetzung hierfür ist gelungene Kommunikation und nicht die Unterstellung, sich den Schmerz einzubilden, denn „jeder Schmerz ist echt“ und muss auch als solches behandelt werden. Dem Patienten kommt dabei eine aktive Mitwirkungspflicht zu, die weit über die Forderung nach der wahren Diagnose hinausgeht.
Schmerzpatienten sind bei vielen Ärzten unbeliebt, weil Diagnose und Behandlung so schwierig sind und man eigenes persönliches Versagen annehmen muss, wenn die Patienten weiter über Schmerzen klagen. So werden diese von einem Spezialisten zum nächsten weitergereicht, z.T. mit langen Wartezeiten und Entmutigung als Resultat auf beiden Seiten.
Nobis, langjährig erfahren als Psychotherapeut in der Orthopädie bei Schmerzpatienten, setzt auf multimodale Behandlungsstrategien bei chronischen Schmerzpatienten durch Kooperation mit Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen und Medizinern: körperliche Fitness, Koordination und Wahrnehmung werden gesteigert, die persönlichen Belastungsgrenzen müssen wahr- und angenommen, Ängste und andere psychische Faktoren verringert werden. Entscheidend ist dabei, die Einstellung des Patienten verändern zu können: die Akzeptanz, dass nicht der letzte Spatenstich im Garten die Ursache des Schmerzes ist, sondern er nur das „Fass der Belastung“ zum Überlaufen gebracht hat, ermöglicht Patient und Therapeuten, mehr Spielraum für die Behandlung zu gewinnen. Tatsächlich kann Schmerzpatienten, die sich auf diese Art der Behandlung einlassen, in mehr als 70 % der Fälle geholfen werden, ihre Schmerzen zu verlieren oder sie zumindest als erträglich zu empfinden. Hilfreich sind hierbei die Vereinbarungen zwischen Patienten und Behandlern bzgl. realistischer Therapieziele. Wie wichtig hierbei die Aufklärung über das Vorgehen und eine verständliche Sprache sind, beweisen auch Studien über Schmerzen nach Operationen: gut aufgeklärte Patienten, die mit Schmerzen rechnen, empfinden diese weniger, brauchen geringere Mengen an Schmerzmitteln und sind zufriedener mit dem Ergebnis. Für Patienten mit chronischen Schmerzen kann dies bedeuten, sich durch Veränderung ihrer Einstellung zu Schmerzen von diesen befreien zu können und wieder mehr Lebensqualität zu erlangen.
Am Ende der Veranstaltung hatten die zahlreichen Besucher des diesjährigen Schmerztages jedenfalls zusätzliches Handwerkszeug in der Tasche, um für künftige Patientengespräche überzeugende Argumente im Hinblick auf die zu erreichenden Ziele liefern zu können.

RJS

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