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Das Thema „Gesunder Darm“ ist ein echter Quotenhit. Der Darm schafft es auf die Bücher-Bestsellerlisten, begegnet uns an unzähligen Stellen im Netz und füllt die Apotheken- und Drogeriemarktregale mit teuren Kapseln und Pülverchen. Wir haben mit Dr. Horst Kinkel, Gastroenterologe und Ärztlicher Leiter im MVZ Rur des Krankenhauses Düren, über das populäre Organ gesprochen. 

Herr Dr. Kinkel, was hat den Darm so populär gemacht?
Dr. Horst Kinkel: Der Darm war schon immer ein sehr populäres Organ. Es gibt zahlreiche Sprichworte wie „Liebe geht durch den Magen“, die den Verdauungstrakt betreffen. Der antike Arzt Hippokrates sagte einmal: „Der Tod sitzt im Darm – ein kranker Darm ist die Wurzel allen Übels, weil dieses Zentrum den gesamten Körper bis in die kleinste Zelle versorgt!“ Vielleicht liegt die Popularität des Darms daran, dass jeder Mensch sich täglich mit ihm auseinandersetzen muss – sei es, weil er besonders gut oder weil er gar nicht funktioniert.

Spielt der Darm tatsächlich so eine zentrale Rolle für unsere Gesundheit?
Kinkel: Der Verdauungstrakt ist ein ausgeklügeltes System aus Organen, die an der Verdauung beteiligt sind und durch die die Nahrung geschleust wird. Und er ist sensibel. Uns schlägt schnell etwas auf den Magen, was sich durch Bauchschmerzen oder Durchfall äußert. Und hinter manchen, vermeintlich harmlosen Verdauungsbeschwerden können ernsthafte Erkrankungen wie ein Morbus Crohn, ein Darmtumor oder das Reizdarmsyndrom stecken. Zu Ihrer konkreten Frage: Unser Immunsystem ist direkt vom Darm abhängig. Etwa 70 Prozent aller Immunzellen befinden sich dort. Ist das Immunsystem gestört, entstehen Entzündungen und diese fördern Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. Ein gesunder Darm ist also ein wichtiger Schutzschild gegen Zivilisationskrankheiten.

Worauf kommt es an, wenn man Darmerkrankungen vorbeugen möchte?
Kinkel: Natürlich sind Vorsorgeuntersuchungen wie der Stuhltest und die Darmspiegelung zur Vorbeugung von bösartigen Darmerkrankungen das erste Mittel der Wahl. Nicht umsonst hat der Gesetzgeber Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen bei Männern ab dem 50. und bei Frauen ab dem 55. Lebensjahr ermöglicht. Aber auch eine ausgewogene Ernährung mit natürlichen Lebensmitteln ist wichtig. Reizstoffe, die dem Darm schaden, sollten vermieden werden.

Was sind das für Reizstoffe?
Kinkel: Das sind unvergorene Getreideprodukte wie Brot, Nudeln und Kuchen, aber auch Zucker, Alkohol und industrielle Speiseöle. Zu viel Fleisch ist auch nicht gut.

Sind diese Stoffe auch eine Ursache für das Reizdarmsyndrom, das schon als neue Volkskrankheit bezeichnet wird? 
Kinkel: Das Reizdarmsyndrom, kurz RDS, ist keine organische Krankheit, sondern eine funktionelle Störung zwischen vegetativem Nervensystem und der Darmmuskulatur. Manchen Menschen schlägt Kummer buchstäblich auf Magen und Darm. Mitverantwortlich kann eine gestörte Darmflora sein: Antibiotika oder schwere Magen-Darm-Infekte bringen die natürliche Mischung der nützlichen Bakterien im Darm durcheinander. Bis die Diagnose RDS gestellt wird, ist es oft ein langer Weg. Zunächst müssen alle ähnlichen Krankheiten ausgeschlossen werden, dazu sollten mehrere Untersuchungen erfolgen: Magen- und Darmspiegelung, Ultraschall des Bauches, eine Blutuntersuchung. Mit einer Stuhluntersuchung lässt sich Parasitenbefall ausschließen. Mit Atemtests können Unverträglichkeiten gegen bestimmte Zuckerarten nachgewiesen werden. Ergibt sich kein organischer Befund und treten mindestens über zwölf Wochen innerhalb eines Jahres Darmstörungen mit den beschriebenen Symptomen auf, lautet die Diagnose Reizdarmsyndrom.

Welche Darmerkrankungen begegnen Ihnen in Ihrer Praxis am häufigsten?
Kinkel: In einer gastroenterologischen Schwerpunktpraxis – auch in meiner – werden am häufigsten Patienten mit chronischen Darmerkrankungen behandelt. Natürlich kommen regelmäßig auch Patienten mit Reizdarmsyndrom. Darüber hinaus sind die Darmspiegelung sowie der Ultraschall als Vorsorgeuntersuchungen wesentlicher Anteil meiner Arbeit. Kontrolluntersuchungen von Patienten mit Tumorerkrankungen finden ebenfalls häufig statt.

Wie haben sich die Therapiemöglichkeiten entwickelt, gerade auch mit Blick auf Menschen mit chronischen Darmerkrankungen?
Kinkel: Wenn ich an die Anfangszeit meiner klinischen Tätigkeit in der gastroenterologischen Abteilung im Krankenhaus Düren vor mehr als 25 Jahren denke, hat sich viel verändert. Da wir mehr über die funktionellen und physiologischen Abläufe der Prozesse im Darm wissen, verstehen wir die Erkrankungen besser und können sie gezielter behandeln. Nimmt man zum Beispiel den Morbus Crohn, gab es früher nur die Behandlung mit Kortison, um die überschießende Immunreaktion im Darm zu verhindern. Heute stehen uns viel mehr Medikamente zur Verfügung – mit deutlich geringeren Nebenwirkungen. So können wir eine individuelle Therapieplanung durchführen, die auch Kinderwunsch und Schwangerschaft berücksichtigen können. Das steigert den Therapieerfolg und die Lebensqualität der oftmals jungen Patienten enorm.