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Mit ihrem Dürener Bundestagskollegen Dietmar Nietan (Mitte) besuchte Claudia Moll, Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege, das Krankenhaus Düren. An dem Gedankenaustausch mit Vertretern des Krankenhauses nahmen auch Liesel Koschorreck (l.) und Dürens Bürgermeister Frank Peter Ullrich (2.v.r.), Aufsichtsratsvorsitzende und 2. Stellvertrender Aufsichtsratsvorsitzender des Krankenhauses, teil. Foto: S. Johnen

Was Bürokratie im Krankenhausalltag bedeutet, verdeutlicht eine Zahl: 44 neue Gesetze und Verordnungen sind in der letzten Legislaturperiode in Kraft getreten. Weggefallen ist keine einzige Vorgabe. Eine Umfrage des Marburger Bundes hat ergeben, dass rund 35 Prozent der Ärzte über vier Stunden am Tag mit Bürokratie beschäftigt sind. Was muss also geschehen, damit Pflegende und Mediziner wieder mehr Zeit am Patienten tätig sein können? Wie kann der Pflegeberuf an Attraktivität gewinnen? Wie wird die Krankenhausfinanzierung fit für die Zukunft gemacht? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Gedankenaustauschs zwischen Vertretern des Krankenhauses Düren und der Bevollmächtigten der Bundesregierung für Pflege, Claudia Moll (SPD), die mit ihrem Dürener Bundestagskollegen Dietmar Nietan (SPD) das Krankenhaus besuchte.

 „Wir freuen uns, dass sich mit Claudia Moll eine ausgewiesene Expertin in Sachen Pflege und Gesundheit die Zeit nimmt, sich vor Ort über die Herausforderungen des Krankenhausalltags zu informieren“, bedankte sich Aufsichtsratsvorsitzende Liesel Koschorreck bei der Besucherin. Geschäftsführerin Kathleen Büttner-Hoigt nannte Zahlen, die die Bedeutung des kommunalen Hauses für die Gesundheitsversorgung in der Region verdeutlichen: Die 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (darunter 200 Mediziner und 400 Pflegekräfte) versorgen jährlich rund 18.000 stationäre und 55.000 ambulante Patienten. Die eigene Pflegeschule bietet 250 Ausbildungsplätze an, das Krankenhaus Düren spielt eine Vorreiterrolle bei der Ausbildung in Teilzeit. Dennoch ist es erstmals nicht gelungen, die Kurse voll zu besetzen. „Es bleibt nicht ohne Auswirkungen, wenn jahrelang ausschließlich schlecht über Pflegeberufe gesprochen wird. Obwohl wir auch sehr viel Gutes zu berichten hätten“, bilanzierte Heinz Lönneßen, Leiter des Bildungszentrums des Krankenhauses. Er warb um politische Unterstützung für eine „konzertierte Aktion Pflege“, um das zu Unrecht verblasste Image des Berufes wieder aufzupolieren. „Es ist bedauerlich, wo wir den Beruf hingetrieben haben“, sieht Pflegedirektor Sebastian Heilsberger dringenden Bedarf, die Pflege zu reformieren – und wieder die Arbeit an den Patientinnen und Patienten in den Vordergrund zu stellen.

„Pflege ist ein toller und anspruchsvoller Beruf – aber das wird viel zu wenig kommuniziert“, weiß Claudia Moll aus eigener Berufserfahrung als examinierte Altenpflegerin. „Jeder, der in der Pflege arbeitet, weiß, dass er etwas wirklich Sinnvolles tut“, zollt sie den engagierten Kolleginnen und Kollegen Respekt. Pflegen sei mehr als „Körperflüssigkeiten, Krankheit und Waschlappen“. Für Dietmar Nietan ist eine gesellschaftliche Debatte über den Wert der Ausbildung längst überfällig. „Was ist da gesellschaftlich passiert, dass alle studieren möchten und niemand mehr eine Ausbildung startet?“, fragt er sich. Zumal eine Pflegeausbildung der Türöffner für viele weitere Qualifikationen und sogar ein für Studium ist.

Zweites großes Gesprächsthema war die Krankenhausfinanzierung. „Es ist nicht genug Puste im System“, warb Dürens Bürgermeister Frank Peter Ullrich, 2. Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Krankenhauses, gleich zu Beginn um eine bessere finanzielle Ausstattung der Krankenhäuser. Das System der Fallpauschalen decke zwar im Idealfall die Kosten, aber nicht die Investitionsgüter. Ganz zu schweigen von den aktuell explodierenden Kosten für Energie und Material. „Wir bewegen uns in einer Planwirtschaft, in der die Schere zwischen Kosten und Erlösen immer weiter auseinandergeht. Und als Krankenhaus gehen wir für alles in Vorleistung“, erklärte der Kaufmännische Direktor Tobias Ohler den politischen Vertretern. Viele Kostensteigerungen seien im System der Fallpauschalen nicht adäquat ausgeglichen, manche Kosten würden nur anteilig und erst nach Verhandlungen übernommen. Ohler: „Anders als ein Wirtschaftsunternehmen können wir die Preise aber nicht an die Patienten weitergeben.“ Auch strengste Haushaltsdisziplin könne eine Unterfinanzierung kaum abwenden.

„Wir müssen eine Debatte führen, was uns was im Gesundheitswesen wert ist“, nahm Dietmar Nietan einen Arbeitsauftrag mit nach Berlin. „Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir nach wie vor ein Gesundheitssystem mit einem super Potenzial. Aber wir müssen definieren, wo die Ressourcen hinfließen sollen.“ Aus Sicht des Medizincontrollings hat Dr. Eleonore Zergiebel bereits heute eine klare Vorstellung zur Einteilung der zeitlichen Ressourcen von Medizinern und Pflegenden, die sie den Besuchern aus dem Bundestag ans Herz legte: Bürokratie bitte nur dort, wo sie wirklich wichtig ist. Aufwand und Nutzen sollten überprüft werden. Damit letztlich mehr Zeit für die Versorgung der Patientinnen und Patienten bleibt. Eine Aufgabe, der sich sowohl Pflegende wie Mediziner voller Leidenschaft verschrieben haben.