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Freuten sich über das große Interesse am Forum des Krankenhauses Düren: die Referenten und Diskussionsteilnehmer im Niederzierer Sophienhof. Foto: Christoph Lammertz

Nein, ein Patentrezept könne er nicht verordnen, sagte Prof. Hilmar Burchardi. Aber einen Satz, der durchaus als Richtlinie dienen sollte, hatte er doch im Gepäck. „Die Intensivstation muss ein Ort der Menschlichkeit bleiben“, fasste Burchardi, bis zu seiner Pensionierung einer der führenden Intensivmediziner des Landes und Hochschullehrer an der Universität Göttingen, seinen Vortrag zusammen. Er eröffnete damit ein Forum des Krankenhauses Düren, das sich mit einem brisanten Thema befasste: „Menschenwürdiges Sterben auf der Intensivstation? – Eine Kontroverse“ lautete der Titel der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, zu der das Krankenhaus Düren mit Unterstützung der Hospizvereinigung Düren-Jülich in die Niederzierer Wohnanlage Sophienhof eingeladen hatte.

Über einen mit rund 150 Besuchern vollbesetzten Saal durfte sich Prof. Stefan Schröder, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, als Initiator des öffentlichen Gesprächs freuen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Frage, wo die Grenzen einer hochmodernen Apparatemedizin, die den Ärzten immer mehr Möglichkeiten eröffnet, liegen sollten, von großem Interesse ist. Ärzte, Pflegekräfte, ehrenamtlich Tätige, aber auch viele andere Zuhörer, die sich vom Thema angesprochen fühlten, konnten sich der zentralen Forderung Prof. Burchardis nach Menschlichkeit in der Intensivmedizin vorbehaltlos anschließen. „Medizin muss wieder sprechen lernen“ hatte er seinen Vortrag überschrieben. Zeit-, Leistungs- und Kostendruck entfalteten im klinischen Alltag zu oft ihre Wirkung, sagte Burchardi. Gespräche zwischen Ärzten und Pflege, zwischen den beteiligten medizinischen Disziplinen, vor allem aber mit den Patienten und deren Angehörigen kämen oft zu kurz. Dabei könne nur auf Basis dieses intensiven Austauschs die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Viel Zeit widmete Burchardi der Frage, wie ein Gespräch mit Angehörigen zu führen sei. Nicht in Hektik, mit Blick auf den Computer und klingelndem Telefon, sondern in ruhiger Atmosphäre, ohne Zeitdruck, seriös, mit Geduld, Verständnis und Aufmerksamkeit.
Das zweite Referat des Abends hielt Prof. Dr. Wolfram Höfling. Der Jurist, der am Institut für Staatsrecht in Köln lehrt, ist Mitglied des Deutschen Ethikrates und zahlreicher weiterer Gremien, die sich mit ethischen Fragen der Medizin befassen. Seinen Vortragstitel „Selbstbestimmung durch Patientverfügungen?“ hatte er bewusst mit einem Fragezeichen versehen. „90 Prozent der nicht beratenen Patientenverfügungen sind keine Patientenverfügungen im Sinne des Gesetzes“, warnte Prof. Höfling davor, sich auf Standardformulierungen zu verlassen, die weder juristisch haltbar sind, noch wirklich Auskunft darüber geben, was der Patient in bestimmten Situationen will. „Lassen Sie sich beraten, wenn Sie eine Patientenverfügung verfassen wollen“, riet der Jurist und betonte, dass eine Bevollmächtigung für eine Person, mit der man sich intensiv über die eigenen Vorstellungen für das Ende des Lebens ausgetauscht hat, wesentlich wichtiger sei.
Sehr offen verlief das anschließende Podiumsgespräch unter Leitung des Palliativseelsorgers Anton Straeten. Dabei betonte Priv.-Doz. Dr. Hermann Janßen, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Visceral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie im Krankenhaus Düren, dass es für den Chirurgen sicherlich schwierig, aber auch extrem wichtig sei, den Moment zu erkennen, wo die chirurgische Kunst keinen Platz mehr hat. Sein Oberarzt Dr. Heiner Höfling konnte das nur bestätigen: „Wenn Sie in einer OP stundenlang gekämpft haben und dann plötzlich loslassen sollen, ist das alles andere als einfach.“ „Nicht loslassen können, nicht aufgeben wollen – diese Gefahr besteht bei uns natürlich auch“, sagte Priv.-Doz. Dr. Michael Flaßhove, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Internistische Onkologie im Krankenhaus Düren. Umso wichtiger seien die Gespräche im Behandlungsteam und mit den Angehörigen. Die entscheidende Frage sei für ihn, ob ein Patient nach einer Überbrückung mit lebenserhaltenden Intensivmaßnahmen noch eine gewisse Zeit in einer gewissen Lebensqualität zu erwarten habe.
Dr. Martin Franke, Vorsitzender der Hospizbewegung Düren-Jülich, plädierte dafür, keine Grenze zu ziehen zwischen der Medizin, die heilen kann, und der, die nur noch Leid lindern kann. „Auch darüber müssen wir intensiv im Gespräch bleiben“, bat der Palliativmediziner. Hermann-Josef Mentgen, Schmerzpfleger im Krankenhaus Düren, stellte fest, dass die Pflege, obwohl sie dem Patienten sehr nahe ist, noch zu selten gefragt werde, sich aber auch noch zu selten einmische, wenn es auf der Intensivstation um ethische Grundfragen geht. „Die Kommunikation ist eine der Kernkompetenzen, die wir weiter ausprägen müssen“, schloss Gastgeber Prof. Schröder aus dem, was vorher von allen Diskussionsteilnehmern einhellig geäußert worden war.

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